Grundlagen › Reibung & Scherkräfte
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Hautschutz · Rutschen · Gewebebelastung

Reibung & Scherkräfte bei der OP-Lagerung – Haut und Gewebe vor Verschiebung schützen

Nicht jede Lagerungsbelastung entsteht durch direkten Druck. Wenn der Patient auf der Unterlage rutscht, die Haut an einer Oberfläche haftet oder Gewebeschichten gegeneinander verschoben werden, entstehen Reibung und Scherkräfte. Besonders relevant wird dies bei Tischneigung, längerer Operationsdauer, Feuchtigkeit, Fixierungen und instabiler Lagerung.

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Einfach merken: Rutschen erzeugt nicht nur Bewegung.

Wenn sich der Körper gegenüber der Unterlage verschiebt, können Haut, Unterhaut und tiefere Gewebeschichten unterschiedlich bewegt werden. Ziel der sicheren OP-Lagerung ist deshalb: Rutschen möglichst vermeiden, die Lagerung stabilisieren und unnötige Reibung und Scherung reduzieren.

01 · Grundverständnis

Druck, Reibung und Scherung sind nicht dasselbe

Diese drei Belastungen können gleichzeitig auftreten, wirken aber unterschiedlich. Für die praktische Lagerung ist vor allem wichtig, den jeweiligen Mechanismus zu erkennen.

01

Druck

Kraft wirkt auf das Gewebe in Richtung der Unterlage.

↓
Beispiel: Sakrum, Ferse, Ellenbogen oder Kontakt mit einer Stütze.
02

Reibung

Zwei Oberflächen bewegen sich gegeneinander, zum Beispiel Haut und Unterlage.

← →
Beispiel: Patient wird über eine Unterlage gezogen oder rutscht wiederholt.
03

Scherkräfte

Gewebeschichten werden gegeneinander verschoben, obwohl die Haut teilweise an der Oberfläche haftet.

→
←
Beispiel: Der Körper rutscht kaudal, während Hautbereiche an der Unterlage fixiert bleiben.
OPHION-Merksatz

Druck belastet Gewebe gegen eine Fläche. Reibung entsteht zwischen Oberflächen. Scherung entsteht, wenn Gewebeschichten gegeneinander verschoben werden. In der Praxis können alle drei Mechanismen gleichzeitig auftreten.

02 · OPHION Praxisalgorithmus

Reibung und Scherkräfte systematisch reduzieren

Einfach merken

RUTSCHEN → UNTERLAGE → FIXIERUNG → FEUCHTIGKEIT → BEWEGUNG → KONTROLLE

Nicht erst reagieren, wenn der Patient sichtbar verrutscht. Bereits vor der Tischneigung überlegen, wohin die Schwerkraft den Körper bewegen wird.

1
Rutschen In welche Richtung kann sich der Patient bewegen?
2
Unterlage Ist sie glatt, trocken, faltenfrei und passend gewählt?
3
Fixierung Stabilisiert sie, ohne neue Druckpunkte zu erzeugen?
4
Feuchtigkeit Befinden sich Flüssigkeit, Schweiss oder feuchte Tücher unter dem Patienten?
5
Bewegung Verändert die Tischposition Rutschrichtung oder Kontaktkräfte?
6
Kontrolle Nach relevanter Lageänderung erneut beurteilen.
03 · Rutschen

Rutschen ist der zentrale praktische Auslöser

Sobald der Patient auf dem OP-Tisch in Richtung Kopf, Fussende oder seitlich rutscht, verändern sich Kontaktflächen, Fixierungen und Gewebebelastungen. Besonders Sakrum, Gesäss und andere belastete Körperregionen können dabei Reibung und Scherkräften ausgesetzt sein.

Ursache

Warum rutscht ein Patient?

  • Veränderung der Tischneigung
  • Schwerkraft wirkt entlang der Tischfläche
  • unzureichende Stabilisierung
  • ungeeignete oder verrutschte Unterlage
  • Lageänderung während des Eingriffs
Konsequenz

Was verändert sich beim Rutschen?

  • Belastung am Sakrum / Gesäss
  • zusätzliche Scherkräfte im Gewebe
  • Zug auf Fixierungen und Gurte
  • zusätzliche Last an Fuss- oder Körperstützen
  • neue lokale Druckpunkte
04 · Tischneigung

Trendelenburg und Antitrendelenburg verändern die Rutschrichtung

Jede relevante Tischneigung verändert, wie die Schwerkraft auf den Patienten wirkt. Deshalb muss die Patientensicherung zur geplanten Tischposition passen.

Kopf tief

Trendelenburg

← Kopfende
  • Rutschrichtung zum Kopfende mitdenken.
  • Geeignete Antirutschunterlage verwenden.
  • Fixierungen dem Neigungsgrad anpassen.
  • Punktuelle Belastung durch Stützen vermeiden.
  • Nach Neigungsänderung Kontaktstellen erneut kontrollieren.
Kopf hoch

Antitrendelenburg

Fussende →
  • Rutschrichtung zum Fussende mitdenken.
  • Geeignete Antirutschunterlage verwenden.
  • Je nach Setup Fussstützen oder andere Sicherungen einsetzen.
  • Füsse und Fersen nicht punktuell belasten.
  • Gurte, Stützen und Kontaktstellen erneut prüfen.
!
Sicherung kann selbst zur Belastung werden

Wird Rutschen verhindert, übernimmt die Fixierung einen Teil der entstehenden Kraft. Deshalb müssen Gurte, Fussstützen, Körperstützen und Antirutschsysteme so eingesetzt werden, dass keine neue punktuelle Belastung entsteht.

05 · Typische Belastungsbereiche

Wo Reibung und Scherkräfte besonders relevant werden

01
Sakrum / Gesäss Besonders relevant bei kaudalem Rutschen, sitzender Position und längerer Belastung.
02
Rücken Falten, feuchte Unterlagen, Kabel oder verrutschte Materialien erhöhen die lokale Belastung.
03
Becken Instabile Beckenposition kann zu wiederholter Bewegung und zusätzlichen Scherkräften führen.
04
Füsse / Fersen Bei Antitrendelenburg kann zunehmend Last über Fussstützen oder Fixierungen aufgenommen werden.
06 · Haut & Feuchtigkeit

Eine trockene und glatte Unterlage gehört zum Hautschutz

Feuchtigkeit wirkt nicht isoliert. Zusammen mit Druck, Reibung und Scherkräften kann sie die Haut zusätzlich belasten. Deshalb muss auch die Unterlage Bestandteil der Lagerungskontrolle sein.

Ungünstig

Desinfektionsmittel, Spüllösung, Blut, Schweiss, feuchte Tücher, Falten oder verrutschte Polster unter dem Patienten.

Ziel

Unterlage trocken, glatt, faltenfrei und frei von Fremdkörpern halten. Nach relevanter Umlagerung erneut kontrollieren.

07 · Fixierung & Antirutsch

Stabilisieren ohne neue Druck- oder Scherstellen

Fixierungen sollen Bewegung begrenzen, aber nicht durch unnötig hohe, schmale oder punktuelle Kräfte neue Belastungszonen erzeugen.

01

Antirutschunterlage

Kann die Rutschtendenz reduzieren. Sie muss passend positioniert sein und darf keine Falten oder neuen harten Kontaktstellen erzeugen.

02

Gurte

Sicher, aber nicht einschnürend anlegen. Nach Tischbewegung Sitz, Spannung und Hautkontakt erneut prüfen.

03

Stützen

Möglichst grossflächig stabilisieren. Kleine harte Kontaktflächen können zusätzliche Druckpunkte erzeugen, obwohl das Rutschen verhindert wird.

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Weniger Rutschen bedeutet nicht automatisch weniger Belastung

Wird der Patient durch eine Fixierung festgehalten, können Kräfte auf andere Kontaktstellen übertragen werden. Deshalb immer fragen: Wo wird die Bewegung jetzt aufgefangen?

08 · Praktisches Beispiel

Patient rutscht bei Antitrendelenburg zum Fussende

Dieses Beispiel zeigt, warum Scherkräfte nicht isoliert betrachtet werden können.

Denkweg

SCHWERKRAFT → RUTSCHEN → SCHERUNG → FIXIERUNG → NEUE KONTAKTKRAFT

Der Patient bewegt sich zum Fussende. Haut und Gewebe können unterschiedlich verschoben werden. Gleichzeitig übernehmen Fussstützen oder andere Sicherungen mehr Körperlast.

1
Neigung Kopf hoch.
2
Rutschen Körper bewegt sich zum Fussende.
3
Gewebe Scherkräfte können an Sakrum und Gesäss entstehen.
4
Sicherung Fussstütze oder Fixierung übernimmt mehr Last.
5
Neue Gefahr Lokaler Druck an Fuss oder Ferse.
6
Kontrolle Gesamtes System erneut prüfen.
09 · Sicherheits-Check

OPHION Reibungs- und Scherkräfte-Check

Vor Operationsbeginn – und nach relevanter Lageänderung

Nicht nur prüfen, ob der Patient „liegt“. Prüfen, ob er stabil liegt und wie die auftretenden Kräfte aufgenommen werden.

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Rutschrichtung Ist klar, wohin sich der Patient bei der geplanten Tischneigung bewegen könnte?
✓
Unterlage Trocken, glatt, faltenfrei und korrekt positioniert?
✓
Sakrum / Gesäss Keine unnötige Verschiebung oder hohe lokale Belastung?
✓
Antirutschsystem Funktioniert, ohne neue harte oder kleine Kontaktstelle?
✓
Gurte Stabil, aber nicht einschnürend oder unnötig gespannt?
✓
Stützen Grossflächig, gepolstert und anatomisch sinnvoll positioniert?
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Feuchtigkeit Keine Flüssigkeit oder feuchtes Material unter dem Patienten?
✓
Nachkontrolle Nach Tischneigung, Rotation oder Umlagerung erneut prüfen?
!
OPHION-Merksatz

Scherkräfte entstehen oft dort, wo der Körper rutschen will, aber Haut, Unterlage oder Fixierung Bewegung teilweise verhindern. Deshalb: Rutschrichtung erkennen → Unterlage optimieren → Patient stabilisieren → Feuchtigkeit vermeiden → Fixierungen kontrollieren → nach jeder relevanten Lageänderung neu prüfen.

10 · FAQ

Häufige Fragen zu Reibung und Scherkräften

Was ist der Unterschied zwischen Reibung und Scherkräften?

Reibung entsteht zwischen zwei Kontaktflächen, wenn sie sich gegeneinander bewegen. Scherkräfte entstehen, wenn Gewebeschichten gegeneinander verschoben werden. Beide Mechanismen können gleichzeitig auftreten.

Warum entstehen Scherkräfte bei Tischneigung?

Durch die veränderte Wirkung der Schwerkraft steigt die Rutschtendenz des Patienten. Wird diese Bewegung an der Haut, Unterlage oder durch Fixierungen unterschiedlich gebremst, können sich Gewebeschichten gegeneinander verschieben.

Warum sind Sakrum und Gesäss besonders wichtig?

Diese Regionen tragen in vielen Lagerungen einen relevanten Anteil des Körpergewichts. Bei kaudalem Rutschen können hier Druck, Reibung und Scherkräfte gleichzeitig auftreten.

Hilft eine Antirutschunterlage immer?

Sie kann die Rutschtendenz reduzieren. Sie muss jedoch korrekt positioniert sein und darf keine Falten, harten Kontaktstellen oder neue lokale Druckpunkte erzeugen.

Warum ist Feuchtigkeit relevant?

Feuchtigkeit kann die Haut zusätzlich belasten und wirkt häufig zusammen mit Druck, Reibung und Scherkräften. Deshalb sollen Haut, Unterlage und Polster möglichst trocken bleiben.

Warum müssen Fixierungen nach Tischbewegung kontrolliert werden?

Mit veränderter Tischneigung verändern sich auch Rutschrichtung und Haltekräfte. Ein zuvor unkritischer Gurt oder eine Stütze kann danach stärker belastet werden.

Fachliche Grundlagen & Quellen

Ausbildung & Praxiswissen: Die praktische Darstellung verbindet Fachwissen aus Ausbildung, Lagerungskursen und praktischer Tätigkeit in der Operationslagerung.

OPHION-Unterlagen: Grundlage für die dargestellten Prinzipien zu Rutschrichtung, Trendelenburg, Antitrendelenburg, Sakrum- und Gesässbelastung, Antirutschunterlagen, Fixierungen, Feuchtigkeit und wiederholter Lagerungskontrolle.

Verknüpfte OPHION-Grundlagen: Die physikalischen Zusammenhänge von Schwerkraft, Tischneigung und Druckverteilung werden ergänzend unter Schwerkraft & Druck bei der OP-Lagerung erklärt.

Abgrenzung zum Druckschutz: Druckentlastung, Druckverteilung und Materialien werden vertieft unter Druck & Druckentlastung bei der OP-Lagerung behandelt.

Fachlicher Hinweis: Die konkrete Patientenlagerung, Tischneigung, Auswahl von Antirutschmaterialien, Fixierungen und Lagerungshilfen richtet sich nach Patient, Eingriff, Lagerungsart, Herstellerangaben, lokalen SOPs und technischer Ausstattung. OPHION dient der visuellen Orientierung, Einarbeitung und Wiederholung und ersetzt keine lokale SOP oder klinische Einzelfallentscheidung.

Ergänzende Fachliteratur

Die folgenden Publikationen ergänzen die praktischen OPHION-Grundlagen zu Patientenpositionierung, Gewebebelastung, Reibung, Scherkräften und perioperativen Druckschäden.

Gefen A, Creehan S, Black J. – Tissue protection during surgical positioning

Scoping Review zu biomechanischen und klinischen Mechanismen lagerungsbedingter Gewebeschäden im Operationssaal. Behandelt unter anderem die Wechselwirkung zwischen Druck, Gewebeverformung, Positionierung und unterstützenden Oberflächen.

PubMed PMID 32496025 →
Spruce L. – Preventing Perioperative Pressure Injuries

Perioperativer Fachartikel zu Risikofaktoren und Prävention. Reibung und Scherkräfte werden ausdrücklich als relevante Belastungen während Transfer und Positionierung beschrieben.

PubMed PMID 28034406 →
Bentsen SB et al. – Patient positioning on the operating table and patient safety

Systematic Review und Meta-Analyse zu lagerungsbedingten Schäden auf dem OP-Tisch. Eingeschlossen wurden unter anderem Druckschäden, periphere Nervenschäden, vaskuläre und muskuloskelettale Komplikationen.

PubMed PMID 38186052 →
Bulfone G et al. – Perioperative Pressure Injuries

Systematische Literaturübersicht zu Risikofaktoren, Häufigkeit und Präventionsstrategien perioperativer Druckschäden.

PubMed PMID 30475284 →
Schultz A et al. – Postoperative pressure injuries under general anaesthesia

Systematische Übersichtsarbeit zu perioperativen Risikofaktoren für postoperative Druckschäden bei erwachsenen Patienten unter Allgemeinanästhesie.

PubMed PMID 31960958 →
Oliveira KF et al. – Support surfaces in surgical patients

Integrative Review zu intraoperativen Auflagen und Supportflächen. Berücksichtigt unter anderem viskoelastische Polymere, Gelauflagen, Schaumstoffe und andere druckverteilende Systeme.

PubMed PMID 28643855 →
AORN – Positioning the Patient

Fachliche Umsetzung von Empfehlungen zur sicheren Patientenpositionierung, unter anderem zu Rückenlage, Bauchlage, Reverse Trendelenburg und zur Prävention lagerungsbedingter Schäden.

PubMed PMID 28865633 →
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