Reibung & Scherkräfte bei der OP-Lagerung – Haut und Gewebe vor Verschiebung schützen
Nicht jede Lagerungsbelastung entsteht durch direkten Druck. Wenn der Patient auf der Unterlage rutscht, die Haut an einer Oberfläche haftet oder Gewebeschichten gegeneinander verschoben werden, entstehen Reibung und Scherkräfte. Besonders relevant wird dies bei Tischneigung, längerer Operationsdauer, Feuchtigkeit, Fixierungen und instabiler Lagerung.
Wenn sich der Körper gegenüber der Unterlage verschiebt, können Haut, Unterhaut und tiefere Gewebeschichten unterschiedlich bewegt werden. Ziel der sicheren OP-Lagerung ist deshalb: Rutschen möglichst vermeiden, die Lagerung stabilisieren und unnötige Reibung und Scherung reduzieren.
Druck, Reibung und Scherung sind nicht dasselbe
Diese drei Belastungen können gleichzeitig auftreten, wirken aber unterschiedlich. Für die praktische Lagerung ist vor allem wichtig, den jeweiligen Mechanismus zu erkennen.
Druck
Kraft wirkt auf das Gewebe in Richtung der Unterlage.
Reibung
Zwei Oberflächen bewegen sich gegeneinander, zum Beispiel Haut und Unterlage.
Scherkräfte
Gewebeschichten werden gegeneinander verschoben, obwohl die Haut teilweise an der Oberfläche haftet.
Druck belastet Gewebe gegen eine Fläche. Reibung entsteht zwischen Oberflächen. Scherung entsteht, wenn Gewebeschichten gegeneinander verschoben werden. In der Praxis können alle drei Mechanismen gleichzeitig auftreten.
Reibung und Scherkräfte systematisch reduzieren
RUTSCHEN → UNTERLAGE → FIXIERUNG → FEUCHTIGKEIT → BEWEGUNG → KONTROLLE
Nicht erst reagieren, wenn der Patient sichtbar verrutscht. Bereits vor der Tischneigung überlegen, wohin die Schwerkraft den Körper bewegen wird.
Rutschen ist der zentrale praktische Auslöser
Sobald der Patient auf dem OP-Tisch in Richtung Kopf, Fussende oder seitlich rutscht, verändern sich Kontaktflächen, Fixierungen und Gewebebelastungen. Besonders Sakrum, Gesäss und andere belastete Körperregionen können dabei Reibung und Scherkräften ausgesetzt sein.
Warum rutscht ein Patient?
- Veränderung der Tischneigung
- Schwerkraft wirkt entlang der Tischfläche
- unzureichende Stabilisierung
- ungeeignete oder verrutschte Unterlage
- Lageänderung während des Eingriffs
Was verändert sich beim Rutschen?
- Belastung am Sakrum / Gesäss
- zusätzliche Scherkräfte im Gewebe
- Zug auf Fixierungen und Gurte
- zusätzliche Last an Fuss- oder Körperstützen
- neue lokale Druckpunkte
Trendelenburg und Antitrendelenburg verändern die Rutschrichtung
Jede relevante Tischneigung verändert, wie die Schwerkraft auf den Patienten wirkt. Deshalb muss die Patientensicherung zur geplanten Tischposition passen.
Trendelenburg
- Rutschrichtung zum Kopfende mitdenken.
- Geeignete Antirutschunterlage verwenden.
- Fixierungen dem Neigungsgrad anpassen.
- Punktuelle Belastung durch Stützen vermeiden.
- Nach Neigungsänderung Kontaktstellen erneut kontrollieren.
Antitrendelenburg
- Rutschrichtung zum Fussende mitdenken.
- Geeignete Antirutschunterlage verwenden.
- Je nach Setup Fussstützen oder andere Sicherungen einsetzen.
- Füsse und Fersen nicht punktuell belasten.
- Gurte, Stützen und Kontaktstellen erneut prüfen.
Wird Rutschen verhindert, übernimmt die Fixierung einen Teil der entstehenden Kraft. Deshalb müssen Gurte, Fussstützen, Körperstützen und Antirutschsysteme so eingesetzt werden, dass keine neue punktuelle Belastung entsteht.
Wo Reibung und Scherkräfte besonders relevant werden
Eine trockene und glatte Unterlage gehört zum Hautschutz
Feuchtigkeit wirkt nicht isoliert. Zusammen mit Druck, Reibung und Scherkräften kann sie die Haut zusätzlich belasten. Deshalb muss auch die Unterlage Bestandteil der Lagerungskontrolle sein.
Ungünstig
Desinfektionsmittel, Spüllösung, Blut, Schweiss, feuchte Tücher, Falten oder verrutschte Polster unter dem Patienten.
Ziel
Unterlage trocken, glatt, faltenfrei und frei von Fremdkörpern halten. Nach relevanter Umlagerung erneut kontrollieren.
Stabilisieren ohne neue Druck- oder Scherstellen
Fixierungen sollen Bewegung begrenzen, aber nicht durch unnötig hohe, schmale oder punktuelle Kräfte neue Belastungszonen erzeugen.
Antirutschunterlage
Kann die Rutschtendenz reduzieren. Sie muss passend positioniert sein und darf keine Falten oder neuen harten Kontaktstellen erzeugen.
Gurte
Sicher, aber nicht einschnürend anlegen. Nach Tischbewegung Sitz, Spannung und Hautkontakt erneut prüfen.
Stützen
Möglichst grossflächig stabilisieren. Kleine harte Kontaktflächen können zusätzliche Druckpunkte erzeugen, obwohl das Rutschen verhindert wird.
Wird der Patient durch eine Fixierung festgehalten, können Kräfte auf andere Kontaktstellen übertragen werden. Deshalb immer fragen: Wo wird die Bewegung jetzt aufgefangen?
Patient rutscht bei Antitrendelenburg zum Fussende
Dieses Beispiel zeigt, warum Scherkräfte nicht isoliert betrachtet werden können.
SCHWERKRAFT → RUTSCHEN → SCHERUNG → FIXIERUNG → NEUE KONTAKTKRAFT
Der Patient bewegt sich zum Fussende. Haut und Gewebe können unterschiedlich verschoben werden. Gleichzeitig übernehmen Fussstützen oder andere Sicherungen mehr Körperlast.
OPHION Reibungs- und Scherkräfte-Check
Vor Operationsbeginn – und nach relevanter Lageänderung
Nicht nur prüfen, ob der Patient „liegt“. Prüfen, ob er stabil liegt und wie die auftretenden Kräfte aufgenommen werden.
Scherkräfte entstehen oft dort, wo der Körper rutschen will, aber Haut, Unterlage oder Fixierung Bewegung teilweise verhindern. Deshalb: Rutschrichtung erkennen → Unterlage optimieren → Patient stabilisieren → Feuchtigkeit vermeiden → Fixierungen kontrollieren → nach jeder relevanten Lageänderung neu prüfen.
Häufige Fragen zu Reibung und Scherkräften
Was ist der Unterschied zwischen Reibung und Scherkräften?
Reibung entsteht zwischen zwei Kontaktflächen, wenn sie sich gegeneinander bewegen. Scherkräfte entstehen, wenn Gewebeschichten gegeneinander verschoben werden. Beide Mechanismen können gleichzeitig auftreten.
Warum entstehen Scherkräfte bei Tischneigung?
Durch die veränderte Wirkung der Schwerkraft steigt die Rutschtendenz des Patienten. Wird diese Bewegung an der Haut, Unterlage oder durch Fixierungen unterschiedlich gebremst, können sich Gewebeschichten gegeneinander verschieben.
Warum sind Sakrum und Gesäss besonders wichtig?
Diese Regionen tragen in vielen Lagerungen einen relevanten Anteil des Körpergewichts. Bei kaudalem Rutschen können hier Druck, Reibung und Scherkräfte gleichzeitig auftreten.
Hilft eine Antirutschunterlage immer?
Sie kann die Rutschtendenz reduzieren. Sie muss jedoch korrekt positioniert sein und darf keine Falten, harten Kontaktstellen oder neue lokale Druckpunkte erzeugen.
Warum ist Feuchtigkeit relevant?
Feuchtigkeit kann die Haut zusätzlich belasten und wirkt häufig zusammen mit Druck, Reibung und Scherkräften. Deshalb sollen Haut, Unterlage und Polster möglichst trocken bleiben.
Warum müssen Fixierungen nach Tischbewegung kontrolliert werden?
Mit veränderter Tischneigung verändern sich auch Rutschrichtung und Haltekräfte. Ein zuvor unkritischer Gurt oder eine Stütze kann danach stärker belastet werden.
Fachliche Grundlagen & Quellen
Ausbildung & Praxiswissen: Die praktische Darstellung verbindet Fachwissen aus Ausbildung, Lagerungskursen und praktischer Tätigkeit in der Operationslagerung.
OPHION-Unterlagen: Grundlage für die dargestellten Prinzipien zu Rutschrichtung, Trendelenburg, Antitrendelenburg, Sakrum- und Gesässbelastung, Antirutschunterlagen, Fixierungen, Feuchtigkeit und wiederholter Lagerungskontrolle.
Verknüpfte OPHION-Grundlagen: Die physikalischen Zusammenhänge von Schwerkraft, Tischneigung und Druckverteilung werden ergänzend unter Schwerkraft & Druck bei der OP-Lagerung erklärt.
Abgrenzung zum Druckschutz: Druckentlastung, Druckverteilung und Materialien werden vertieft unter Druck & Druckentlastung bei der OP-Lagerung behandelt.
Ergänzende Fachliteratur
Die folgenden Publikationen ergänzen die praktischen OPHION-Grundlagen zu Patientenpositionierung, Gewebebelastung, Reibung, Scherkräften und perioperativen Druckschäden.
Scoping Review zu biomechanischen und klinischen Mechanismen lagerungsbedingter Gewebeschäden im Operationssaal. Behandelt unter anderem die Wechselwirkung zwischen Druck, Gewebeverformung, Positionierung und unterstützenden Oberflächen.
PubMed PMID 32496025 →Perioperativer Fachartikel zu Risikofaktoren und Prävention. Reibung und Scherkräfte werden ausdrücklich als relevante Belastungen während Transfer und Positionierung beschrieben.
PubMed PMID 28034406 →Systematic Review und Meta-Analyse zu lagerungsbedingten Schäden auf dem OP-Tisch. Eingeschlossen wurden unter anderem Druckschäden, periphere Nervenschäden, vaskuläre und muskuloskelettale Komplikationen.
PubMed PMID 38186052 →Systematische Literaturübersicht zu Risikofaktoren, Häufigkeit und Präventionsstrategien perioperativer Druckschäden.
PubMed PMID 30475284 →Systematische Übersichtsarbeit zu perioperativen Risikofaktoren für postoperative Druckschäden bei erwachsenen Patienten unter Allgemeinanästhesie.
PubMed PMID 31960958 →Integrative Review zu intraoperativen Auflagen und Supportflächen. Berücksichtigt unter anderem viskoelastische Polymere, Gelauflagen, Schaumstoffe und andere druckverteilende Systeme.
PubMed PMID 28643855 →Fachliche Umsetzung von Empfehlungen zur sicheren Patientenpositionierung, unter anderem zu Rückenlage, Bauchlage, Reverse Trendelenburg und zur Prävention lagerungsbedingter Schäden.
PubMed PMID 28865633 →